Historisches aus Kastl

Pfarrkirche Kastl (Foto: Dieter Hoffman)

Votivbilder als Quellen zur Trachtenforschung

Historische Votiv- Altar und Kirchenbilder haben, neben der religiösen Bedeutung, einen erheblichen Aussagewert als Zeitzeugen. Wenn darauf Einzelpersonen, Personengruppen oder Familien dargestellt sind, wird es, beispielsweise für die Trachtenforschung, besonders interessant.
Ein sehr ansprechendes und anschauliches Exemplar eines solchen „Augenzeugen“ findet sich am rechten Seitenaltar in der Pfarrkirche in Kastl, die der Himmelfahrt Mariä und dem Hl. Kastulus geweiht ist.
Das Bild aus dem 18. Jahrhundert ist dem „Aloysianischen Bündnis“ gewidmet.
Der Heilige Aloysius, der hohe Verehrung genoss, wird auf dem Bild von einer Frauen- und Mädchengruppe zur rechten und einer Männer- und Knabengruppe zur linken um Fürbitte angerufen.
Es ist recht wahrscheinlich, dass die Frauen, Männer und Kinder nach örtlichen Modellen gezeichnet wurden, die sich vielleicht sogar als Spender des Bildes hervorgetan haben. Die Portraitierten wählten dazu sicher das schönste Gewand, das im Kleiderkasten zu finden war.
So trägt die Frau zur linken ein hellblaues Miederkleid mit drei Viertel langen Ärmeln, das goldfarbene Mieder läuft in einer Ochsenmaulspitze aus, die sich um den ganzen Halsausschnitt zieht. Das eingesteckte Schultertuch ist ebenso blütenweiß wie die Blusenärmel, die unter dem Kleiderstoff hervorkommen und in einer breiten fein gefältelten Spitze enden. Eine weiße und goldfarbene Borte unter dem Ellenbogen dient als Schmuck, wie auch das schwarze Samthalsband, das mit Metallverzierungen versehen ist. Die Schürze ist schillernd dunkelblau und vorne mit einer großen weißen Schleife verziert. Die Frau verbirgt das brünette Haar unter einer goldfarbenen Haube, die weiß unterfüttert ist.
Rechts von ihr kniet eine weitere verheiratete Frau, kenntlich an der weiß- und goldfarbenen Haube, die hier mit Pelz verbrämt ist. Sie trägt ein schwarzes Ärmelkleid mit einem spitz zulaufenden Mieder in korallenrot. Um den Halsausschnitt ist eine zarte weiße Rüschenspitze zu erkennen. Auch sie hat als Halsschmuck ein schwarzes Samtband mit einer metallenen Verzierung.
Die unverheirateten Mädchen tragen das „Kranel“ als Kopfschmuck, ein mehrere Finger breites steifes und mit Perlen und Zierrat geschmücktes Bortenkränzchen. Das Gewand des größeren Mädchens besteht aus einem blauen ärmellosen Miederoberteil mit gleichfarbenen Schleifen auf den Schultern, wobei der Miederfleck mit einem Silbergeschnür verschlossen ist. Die vermutlich schwarze Rockfarbe ist nicht zu erkennen, da sie von der rosa-violetten Seidenschürze mit großer sandfarbener Schleife verdeckt wird. Unter dem Mieder trägt das Mädchen eine weiße Bluse mit drei Viertel langen fülligen Ärmeln, die in Spitzenrüschen auslaufen, das eingesteckte Halstuch ist korallenrot. Ihren Hals ziert ebenfalls ein schwarzes Samtband mit Metallzier, wie auch den des kleinen Mädchens im Bildvordergrund, dessen Kleidung recht ähnlich ist. Ein rotes Mieder mit Schleifen auf den Schultern, blauem Rock, weißer Schürze, die Rockschleife in der Farbe des Mieders. Auch die Bluse ähnelt der des größeren Mädchens.
Die Tracht der Männer besteht aus knielangen Gehröcken, wobei nur der des mittleren Mannes mit einem Umschlagkragen versehen ist, die beiden anderen Herren haben kragenlose Röcke.
Der Rock des Mannes zur linken ist auberginefarben, die rosafarbene Weste darunter mit vielen kleinen Silberknöpfen geschlossen. Seine Kniebundhose ist schwarz, die Hosenträger sind breit und weiß mit einem mittigen grünen Streifen.
Ob er ebenfalls blaue Strümpfe trägt, wie seine zwei Mitbeter ist nicht zu erkennen, denn vor ihm kniet ein eleganter Herr in himmelblauem Rock mit spitzenumrandeten Taschen und ebenfalls himmelblauen Kniebundhosen. Er trägt auch nicht nur einen schwarzen Halsflor wie die Männer zu seinen beiden Seiten, sondern ein farblich passendes Seidentuch. Auch seine schwarzen Schuhe sind von elegantem Schnitt und mit einer viereckigen Silberschnalle verziert.
Der Mann zur rechten trägt unter seinem malvenfarbenen Rock mit paspel- und knopfverzierten Ärmeln eine hellblaue Weste mit zahlreichen Silberknöpfen und einer Seitentasche mit Taschenklappe. Die Kniebundhosen sind schwarz, wie auch seine Laschenschuhe, die zwar von derberem Schnitt, aber dennoch mit einer runden Metallschnalle verziert sind.
Die Kleidung des Buben im Vordergrund weicht außer in den Farben in nichts von der der erwachsenen Männer ab. Die ganze Tracht zeigt sehr deutlich den Einfluss der höfischen Rokokomode, die zuerst vom Bürgertum kopiert wurde, bis sie, mit einiger Verspätung, auch die Landbevölkerung erreichte.

Aloisiusaltar
Pfarrkirche Kastl (Foto: Dieter Hoffman)
Pfarrkirche Kastl (Foto: Dieter Hoffman)

50 Millionen für die Kriegergedächtniskapelle in Kastl

Nach dem schrecklichen I. Weltkrieg (1914 – 1918) beschloss der Krieger- und Veteranenverein Kastl 1919 den Bau eines Kriegerdenkmals. Es würde dem Andenken der Kastler Männer dienen, die in den Kämpfen ihr Leben lassen mussten. Der Tod hatte aber auch reiche Beute unter denjenigen gefunden, die in den schlammigen Schützengräben der Stellungskämpfe ihre Gesundheit verloren.

Die Mitglieder der KSK betätigten sich als rührige Spendensammler und konnten zum Jahresende bereits eine Summe von 3.700 Mark vorweisen. Der Plan des Architekten Hermann Selzer, München, aus dem Jahr 1921 sah zunächst eine Gedenkstätte neben dem Haupteingang zur Kirche vor. Ein Jahr später wurde die Planung geändert, wonach als neuer Standort die Presbyteriumswand an der Kirchenostseite dienen sollte.

Doch so sehr die Pläne auch Anklang fanden, die Ausführung konnte nicht finanziert werden. Im Umgriff der Kirche befand sich allerdings ein Gebäude, in dem zu früherer Zeit nach dem sonntäglichen Gottesdienst eingekauft werden konnte, ein „Kramerstandl“. Nachdem es seit einigen Jahren nicht mehr genutzt wurde, beschloss der Krieger- und Veteranenverein diesen Platz für die Kriegerkapelle vorzusehen und schuf durch den Abbruch des Standls auch gleich Fakten! Obwohl sich Ortspfarrer Weidenthaler mit dem Vorgehen nicht befreunden konnte, kam es schließlich doch zum Bau der Kapelle. Inzwischen hatte die galoppierende Inflation eingesetzt. Wie aus den „Unterlagen zur Kastler Ortsgeschichte“ des ehemaligen Kastler Ortsheimatpfleger Johannes Enders hervorgeht, waren für den Madonnenaltar 22 Millionen Mark an Kosten angefallen! Als die Kapelle am 26. August 1923 eingeweiht wurde, betrugen die Gesamtausgaben dafür 50 Millionen Mark!