Historisches aus Neuötting

St. Anna-Leprosenkirche

Die St. Anna-Leprosenkirche

Die Infektionskrankheit „Lepra" war eine der Geißeln des Mittelalters!
Um ihre Gefährlichkeit für die Umgebung auch jedermann und überall kenntlich zu machen, bekamen die Leprakranken eigene Kleider, Kapuzenumhänge und hölzerne Klappern, damit sie rechtzeitig erkannt und gemieden werden konnten.

Stifter
Im Jahre 1679 wurde an die Regierung in Burghausen berichtet, dass die Herren von Trenbeck in den Jahren 1411 und 1412 ein „schlechtes Haißl" (in der Bedeutung „einfaches kleines Haus") und eine St. Anna-Kirche für die „armen Aussätzigen" erbaut hätten.
Ritter Degenhart von Pfäffingen, der auch der Urenkel des ersten Stifters Hans Trenbeck war, stammte aus einem alten Geschlecht aus Salmanskirchen bei Ampfing.
Er ließ für die Leprosen eine neue Kirche erbauen, die am 30. September 1511 durch den Bischof Perchtold von Chiemsee geweiht wurde.

Kirchenbau
Die St. Annakirche ist ein spätgotischer Backsteinbau, wobei als Binder regelmäßig (durch gezielte Überhitzung) schwarz gefärbte Backsteine verwendet wurden. Das Langhaus hat drei Joche, der eingezogene Chor zwei und Schluss in drei Achteckseiten, die Sakristei ist nördlich des Chors.
Das Netzgewölbe läuft in profilierten Kragsteinen aus. Die Schlusssteine im Chor zeigen das „Auge Gottes", das Wappen der Trenbeck, das Wappen der Pfäffinger, das dornengekrönte Haupt Christi, das Stadtwappen von Neuötting, ein Wappen (Schildfuss schräglinks mehrfach geteilt von Rot und Schwarz., darüber steigender Löwe, nach links, gelb auf blauem Feld), ein weiteres Wappen (im Felde ein nackter Mann mit Schambinde, stehend, die Rechte gegen die Hüfte stemmend, die Linke am Schenkel, möglicherweise „Wildenmaner"). Am Langhausgewölbe findet sich nur ein Schlussstein, der das Wappen der Trenbeck zeigt.

Altar
Auf dem Choraltar ist das bemalte Holzrelief der Mittelgruppe, die „Hl. Sippe", zu bewundern. Zugeschrieben wird es Meister Kreniß um 1515, der auch die nordseitigen Türen der Stiftspfarrkirche von Altötting schnitzte. Auf einer gotisch profilierten Bank mit hoher Rückwand sitzen links die Gottesmutter Maria, rechts ihre Mutter, die Hl. Anna. Zwischen sich halten sie das Jesuskind, das nur mit einem Lendentuch bekleidet ist. Der Thron ist seitlich von Schranken mit Renaissance-Balustersäulen eingefasst. Über die linke Schranke schaut der Hl. Joseph über die Rückwand auf die Frauen und das Kind und über die rechte Schranke die drei Ehemänner der Hl. Anna: Joachim, Kleophas und Salomas. Die neuen Altarflügel zeigen die Hl. Petrus und Paulus.

Glasfenster (ausgelagert!)
Von höchster Kunst sind die gemalten bauzeitlichen Glasfenster, die verschiedentlich bereits zu Ausstellungen verliehen waren. Obwohl ausgebaut und ausgelagert, verdienen sie eine Würdigung!
(Beispielbild „Mondsichelmadonna")
Auf einer Fensterhälfte steht in spätgotischer Umrahmung die Madonna auf dem Mond im Strahlennimbus mit der Kaiserkrone, auf der rechten Hand hält sie das Christuskind, das seinerseits in der Rechten eine Blume, in der Linken einen Apfel hält. Die Madonna hält in ihrer linken Hand das Szepter. Sie ist grau in grau gewandet auf rotem Grund.

Ein „kleiner Kirchenführer" kann von der Kreisheimatpflege, Frau Renate Heinrich, bezogen werden.

Verwendete Literatur:
Historischer Atlas von Bayern (C. Schwaab)
„St. Anna" (F.X. Leeb in „Neuötting, Gesammelte Schriften zur Stadt-Geschichte)
Kunstdenkmale des Regierungsbezirks Oberbayern - Bezirksamt Altötting

v.l.n.r. - Glasfenster, Choraltar mit Holzrelief
Hl. Geist-Spitalkirche
Hl. Geist-Gnadenbild

Hl. Geist-Spitalkirche

Ein Spital war kein Krankenhaus! Es war eine städtische soziale Einrichtung, die Personen zeitweilig oder dauerhaft Hilfe und Versorgung gewährte.

Die Stifter
Im Jahr 1423 stifteten das Ehepaar Wilhelm von Frauenhofen und Margarethe von Preising das Spital von Neuötting. Wilhelm von Frauenhofen war Hofmeister des Herzogs Heinrich und Bambergischer Amtmann in Winhöring. Zwei Jahre später stifteten sie zum Spital auch eine Kirche dazu.
Das Ehepaar Frauenhofen errichtete die Spitalkirche, die heute die südliche Seitenkapelle darstellt. Die Spitalbewohner erreichten die Kirche über das Obergeschoß auf die Empore. Als der Raum des Kirchleins nicht mehr ausreichte, wurde es um das Jahr 1500 um das heutige Presbyterium und den Treppenaufgang zum Dachstuhl erweitert. Eine neuerliche Erweiterung kam mit den Jahren 1590/1591. Nun wurde die Spitalkirche um ein Langhaus mit Orgelempore nach Westen verlängert.
Von 1868 bis 1910 erfuhr das Kirchengebäude weitere bauliche Veränderungen. Der Zwiebelturm der Barockzeit wurde zum Spitzturm umgebaut, 1898 das obere Stockwerk der Sakristei abgetragen, unter Wiederöffnung der zwei vermauerten nördlichen Fenster. 1902 erhielt die Kirche ein Bodenpflaster aus Kiefersfelder Marmor, 1910 wurde der Turmhelm aus Kupfer eingedeckt, die Turmspitze erhielt Kugel und Kreuz aus feuervergoldetem Kupfer.

Beschreibung des Gebäudes
Das Langhaus, dessen westliche Hälfte einst an das Spital grenzte, hat drei Joche, der eingezogene Chor ein Joch und Schluss in fünf Achteckseiten und ein Netzgewölbe. Im Chorschluss vier halbrunde Dienste, die Figuren unter Baldachinen tragen, davon sind zwei Figuren erhalten. Über den Baldachinen Kragsteine, die das Gewölbe tragen. In den Westecken des Chores halbrunde Dienste, im Langhaus nur Kragsteine, runde Schlusssteine an allen Kreuzpunkten.
An der Südseite des Chores die Seitenkapelle (Stifterkirche), durch einen großen Bogen mit dem Chor verbunden. In drei Seiten des Sechsecks geschlossen, das Netzgewölbe ruht teils auf Kragsteinen, teils auf eckigen Diensten. Am Ansatz des Sechseckschlusses neben den Diensten zwei profilierte, mit spitzbogigen Schilden belegte Kragsteine, die einst Figuren trugen. An der Westwand (vom einstigen Spital her) Spitzbogentüre, mit Kehle und Birnstab profiliert.

Der Hochaltar
Den jetzigen Rokoko-Hochaltar kaufte Stadtpfarrmesner Josef Anton Schorn 1789 von den Dominikanern zu Landshut.
Statt eines Altarblattes dient ein Tafelbild aus Lindenholz (0,69 m x 0,50 m), das wohl im 15./16. Jahrhundert entstanden ist. Die Kronen von Jesus und Maria wurden erst später angesetzt.
Das Neuöttinger Marienbild wird seit jeher als Bildnis „Maria Schnee" bezeichnet. Das Original des Gemäldes „Maria Schnee" befindet sich in der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom und soll vom Evangelisten Lukas gemalt worden sein. Es handelt sich dabei um eine Darstellung, bei der Maria Christus auf dem linken Arm trägt und auf ihn weist. Christus hält seine rechte Hand zum Segensgestus erhoben und umfasst mit der linken Hand eine Schriftrolle.
Bei dem Neuöttinger Bild trägt Maria das Christuskind auf dem Arm, das seine Hand um ihren Hals legt und sich mit seiner Wange an die ihre schmiegt.
Durch die aufgesetzten Kronen wirken die Darstellungen sehr ähnlich, was wohl zur Gleichsetzung geführt hat.

Stiftergrabmal
Ursprünglich befand sich das Grabmal der Stifter in der von ihnen gestifteten Spitalkirche, der heutigen südlichen Seitenkapelle. Bei einer Kirchenvisitation 1618 wurde beanstandet, dass das Grab erhöht sei und es dem Erdboden angeglichen werden solle. Zunächst war der Gedenkstein an der Westwand des 1590/1591 geschaffenen neuen Triumphbogens angebracht. Laut mündlicher Überlieferung zerbrach er bei dem Versuch, ihn zu versetzen und wurde 1870 vom Steinmetz Koppenwallner kopiert und am heutigen Platz befestigt.
Die Inschrift auf dem Marmorstein lautet: „Anno. dni. m°.cccc°.xxiii°. das. Spital. ist. angehebt. zv. der. zeit. als. oben. dy. zal. heist. hie. ligt. Bilhalm. vo. frawnhofen. margred. preisingerin. sei. hausfraw"

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Ein „kleiner Kirchenführer" kann von der Kreisheimatpflege, Frau Renate Heinrich, gezogen werden.

Literatur:
Hartmann Maximilian, Kirchen und Pfarreien im Landkreis Altötting
Dehio Georg, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Oberbayern
Kunstdenkmale Bayerns, Bezirksamt Altötting

St. Johann Baptist-Kirche

St. Johann Baptist-Kirche

Geschichte der Kirche
Die alte Johanniskapelle lag näher am Inn und wurde, so die Überlieferung, des Öfteren vom Hochwasser bedrängt.
Franz Wilhelm Graf von Wartenberg, Propst von Altötting, ließ eine neue Kapelle auf ihrem jetzigen Standplatz erbauen, versehen mit allen Rechten. Die Tuffsteinquader des alten Baus wurden als Fundament für die neue Kirche verwendet. Am 5. September 1611 fand die Weihe statt.
1763 wurde die Kirche im Stil des Barock umgebaut, die neuen Fenster erhielten einen geschweiften oberen Abschluss.
1788 bis 1794 wurde die Kirche, im Auftrag von Johann Baptist Knodt, Pfarrer von Alzgern, durch den Trostberger Meister Franz Joseph Soll mit hervorragenden Fresken ausgemalt.


Die Kunst des Meisters Franz Joseph Soll
Das Fresko im Chor zeigt die Taufe Jesu durch Johannes im Jordan. Johannes tauft ihn mit Wasser aus einer Muschel, er steht dabei am rechten Ufer. Als Attribute sind ihm ein Fähnchen mit der Aufschrift ECCE AGNUS DEI und das Lamm beigegeben.
Jesus kniet am linken Ufer, zwei Engel legen ihm ein weißes Gewand an. Der Himmel hat sich geöffnet, er zeigt den Hl. Geist in Gestalt einer Taube, der einen Lichtstrahl auf Jesus aussendet.
Das Hauptfresko des Langhauses zeigt die Hauptszene: Johannes im Thronsaal. König Herodes Antipas und seine Schwägerin und Geliebte Herodias sitzen in entspannter Haltung unter dem Thronbaldachin und hören die mahnenden Worte des Johannes.
Die Szene hat viele Zuseher und Zuhörer: Höflinge, Pagen, Soldaten, ein Hündchen, selbst ein Papagei auf seiner Stange fehlt nicht.
Es wird gerätselt, ob der Mann, der soeben dabei ist, die Stufe zum Thronsessel zu ersteigen, der betrogene Ehemann der Herodias ist?
Der Maler Franz Joseph Soll „versteckte" sich gern in seinem Werk und so hat er sich auch hier verewigt. Auf der linken Seite des Langhausfresko sind er und seine zweite Ehefrau Maria Rosalia Späth, die aus Marienberg stammte, abgebildet.

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Ein „kleiner Kirchenführer" kann durch die Kreisheimatpflege, Frau Renate Heinrich, bezogen werden.


Verwendete Literatur: Bauer, Büttner, Rupprecht: „Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland", München, 2003

v.l.n.r. - Chorfresko, Langhausfresko
Maler Soll
Donauer-Ansicht
Donauer-Ansicht

Neuöttinger Burg für Altöttinger Sozialstation

Ein „Bruderhaus“ war eine mildtätige Sozialstation, die oft von frommen Stiftern im Mittelalter ins Leben gerufen worden war. Sie diente dazu arbeitsunfähig gewordenen Dienstboten Unterkunft und Verpflegung zu gewähren, aber auch verarmte, alt oder krank gewordene Einwohner aufzunehmen.
Für Altötting ist aus dem Jahr 1336 eine Allerseelenbruderschaft bekannt, die ein aus Holz erbautes Bruderhaus unterhielt und zwar an der Stelle, an der sich heute die Bruder-Konrad-Kirche befindet.
Obwohl es 1610 als „baufällig“ und 1614 gar als „vom Wurm zernagt“ beschrieben wird, hielt es sich doch noch einige Jahrzehnte, bis der Stiftspropst und spätere Kardinal Wilhelm von Wartenberg, ein Herzogssohn, die Errichtung eines Franziskanerklosters in Altötting anstrebte. 1653 folgten auch die ersten Ordensangehörigen seinem Ruf, waren jedoch, in Ermangelung eines Klostergebäudes, gezwungen, fürs erste Obdach in der Stiftspropstei zu nehmen.
Nun ging es an die Standortsuche für ein Kloster und Probst Wartenberg wählte gerade jene Stelle nahe des Mörnbachs, an der das Bruderhaus stand. Es sollte nun also weichen, was den Zeitzeugen, seines Zustands wegen, nicht unrecht war und außerdem hatte es nur ein geringes Raumangebot. Zuerst war ein Platz in der Nähe der Michaelikirche angedacht worden, der aber nicht zur Ausführung kam, denn für derartige Einrichtungen kam nur ein Standort in Gewässernähe in Frage. So wurde also wieder ein Platz am Mörnbach gewählt, der Brauchwasser liefern und Schmutzwasser mit sich führen konnte.
Das neue Bruderhaus sollte gerade dort entstehen, wo sich einst ein Bauernhof, das „Oberlechnergut“ befand und später, um 1810, auch aus Gebäudeteilen des Bruderhauses, der heutige „Gasthof Schex“ errichtet wurde. Dieses neue Bruderhaus sollte nun aus Stein erbaut werden, aber Ziegelsteine waren teuer! Deshalb suchten die Verwalter nach günstigem Baumaterial und glaubten, es auch gefunden zu haben, und zwar in der benachbarten Stadt Neuötting.
Dort stand nämlich, am heutigen Herzog-Georg-Platz, eine Burg oder Schloß, vermutlich im 13. Jahrhundert erbaut und über Jahrhunderte als Verwaltungsgebäude des Landesherrn genutzt. Die Stadtmauer bildete die Rückseite der Burg, deren unteres Stockwerk Gewölbe aufwies, weite und lichte Zimmer hatte und einen Turm, auf den im Jahr 1570 Zinnen zur Verschönerung aufgemauert worden waren. Wohlerbaute Stallungen gehörten ebenso dazu, wie auch ein großzügiger Hof und Garten.
1605 aber war dieses Verwaltungsgebäude durch den sparsamen Kurfürsten Maximilian I. an einen Privatmann verkauft worden und schließlich über eine Erbschaft an einen Deggendorfer Handelsherrn gekommen. Der wusste nichts rechtes damit anzufangen und freute sich, als es ihm 1654 die Verwalter des Bruderhauses von Altötting abkauften.
Es war nun aber nicht daran gedacht, die armen, alten und kranken Altöttinger dort wohnen zu lassen - Stockwerk für Stockwerk sollte die Neuöttinger Burg abgetragen und an der vorgesehenen Stelle als Altöttinger Bruderhaus neu erstehen!
Als die Neuöttinger Stadträte und Bürger von diesem Plan erfuhren, waren sie so außer sich vor Empörung, dass sie sich nicht an den Landesherrn, sondern an seine Mutter, die Kurfürstinwitwe und Kaisertochter Maria Anna wandten: „Damit hätten sie, die Altöttinger, den Anfang gemacht! Der Stadt würde die wehrhafte Ansicht genommen und verkäme zu einem Dorf! Man erhoffe sich von der Durchlaucht, dass sie einen solchen Schandfleck verhindere. Außerdem baue man zu Altötting viele Spitäler und Klöster und es gäbe ringsum Ziegelsteine genug zu kaufen. Sollte etwa künftig jedes freistehende Haus in Neuötting abgebrochen und zu Altötting wieder aufgebaut werden? Die Stadt hätte gegen Altötting schon Beschwerden genug!“
Die Bruderhausverwalter hielten dagegen, das Schloss sei zum einen nur in einer Ecke der Stadt gelegen und reichlich baufällig, weshalb sie die Aufregung nicht verstünden. Die Bruderhäusler hingegen, gesund oder krank, müssten gefährlich eng beisammen wohnen, weshalb sie für den Herrn Kurfürsten auch eifrig beten wollten, wenn er den Abbruch genehmige!
Kurfürst Ferdinand Maria gab aber den Neuöttinger Stadträten Recht und verbot den Abbruch, weil damit der Stadt eine „große Deformität entstehe und Unzier gäbe“! Er ordnete den Kauf des Schlosses an und dass dort wieder ein Landesbeamter zu residieren habe.
Bis weit in die 1670er Jahre hinein bewohnte zwar nun ein kurfürstlicher Pfleger das Schloss, für dessen Unterhalt aber wohl nicht zu viel aufgewendet wurde. 1679 hatte der Turm breite Klüfte und das Dachwerk war durch eindringendes Regen- und Schneewasser verfault. Doch da interessierte sich bereits das Militär für das Gebäude und aus den Mauern des Schlosses entstand eine Kaserne.
Die Bruderhausverwalter hatten es aber an der gebotenen Obhut für ihre Schützlinge trotzdem nicht fehlen lassen und das notwenige Baumaterial andernorts besorgt. Es entstand ein ansehnliches Bruderhaus, das erst im Zuge der Säkularisation 1802 aufgelöst und in den Besitz des Gastwirts Grainer einbezogen wurde. 1852 kaufte es der Gastwirt Schex, dessen Name sich bis in unsere Tage erhalten hat.

Hochaltar der Stadtpfarrkirche
Hochaltar der Stadtpfarrkirche

Andreas – der vergessene Heilige der Neuöttinger Stadtpfarrkirche

Schon in der frühesten urkundlichen Erwähnung des Jahres 1410, als Herzog Heinrich IV. seine Amtsleute und Pfleger anwies, den Bau zu fördern, ist von der Nikolauskirche die Rede. Jedoch, es finden sich an zwei herausragenden Stelen Bildnisse nicht nur dieses Heiligen, sondern in gleichberechtigter Darstellung noch einen zweiten, der im Sprachgebrauch nie vorkommt, des hl. Andreas.
Noch bevor man die Kirche betritt, ist der Heilige zu sehen. Er ist im Vorhaus auf der linken Seite in sitzender Stellung dargestellt, ihm gegenüber der hl. Nikolaus, darunter findet sich die Mitteilung über Ablässe an die Kirche und die Jahreszahl 1492.
Aber noch wesentlich gewichtiger für die Bedeutung dieses Heiligen ist die zweite Darstellung. Sie findet sich am Hochaltar, wo Andreas mit seinem Schrägkreuz als Attribut, gleichberechtigt mit Nikolaus, rechts und links des Gnadenstuhles als stehende Figuren zu sehen sind. Auch der Vorgängeraltar des heutigen neugotischen, der barocke Hochaltar, der einst von den Dominikanern zu Landshut stammte, wies Figuren beider Heiligen auf.
Der hl. Andreas spielte jedenfalls in der Vergangenheit eine wichtige Rolle, als der Herzog im Jahr 1347 der Stadt das Recht verlieh, am Andreastag, dem 30. November, einen Markt abzuhalten.
Der historische Andreas, der als einer der ersten Jünger Jesu berufen wurde, wird bereits seit dem 4. Jahrhundert verehrt. Aufgrund seines späten Festtages zählt er zu den Adventsheiligen.
Doch auch im heutigen Leben spielt er eine wichtige Rolle. Das Andreaskreuz an Bahnübergängen dient als Warnhinweis vor drohender Gefahr.

Palmdenkmal Neuötting
Palmdenkmal Neuötting

Spende einer Innstadt an die andere zur Errichtung eines Denkmals

Im Archiv der Stadt Neuötting befindet sich ein Dokument aus dem Jahr 1862, eine Sammelliste, die Spendenbeiträge aufzählt. Die Spendenliste benennt hauptsächlich Mitglieder des Stadtrates, wurde also wohl im Umfeld einer Sitzung ausgegeben. Das Sammelergebnis diente als Beitrag zur Errichtung eines Denkmals. Dieses Denkmal, das 1866 von Conrad Knoll geschaffen wurde, findet sich aber weder in der Stadt Neuötting noch im Landkreis Altötting, es steht in einer Innstadt, die über viele Jahrhunderte auf mancherlei Weise mit Neuötting verbunden war, in Braunau.
Nachdem das Innviertel, wozu auch Braunau gehört, nach Jahrhunderten bayerischer Zugehörigkeit, 1779 als Folge des Friedensvertrages von Teschen an Österreich abgetreten werden musste, mochten die politischen Bande unterbrochen worden sein, nicht aber die persönlichen oder familiären.
Aufgrund der politischen Wirren der Napoleonszeit gehörten Teile Oberösterreichs mit Braunau für die Dauer von sechs Jahren (1810 – 1816) nochmals zu Bayern. In diesen unruhigen Zeiten handelte das tragische Geschehen um den Buchhändler Johann Phillip Palm. Ihm wurde das Denkmal gewidmet.
1768 in Schorndorf geboren, verheiratete er sich mit der Nürnberger Buchhändlerstochter Stein und führte das dortige Geschäft. Mit der Besetzung Deutschlands durch napoleonische Truppen, den Kriegshandlungen und Bedrängnissen für die Bevölkerung entstanden in vielen Städten Flug- oder Schmähschriften, die sich beispielsweise mit der Herkunft Napoleons „Genealogie der kaiserlichen Majestäten und Hoheiten“ befassten, worüber der mit soviel unerwünschter Aufmerksamkeit bedachte, höchst empört gewesen sein soll. Diese Schriften, die etwa der heutigen Boulevardpresse entsprachen, erreichten breite Bevölkerungsschichten und schufen großen Unmut in der französischen Armeeführung.
Nach dem Erscheinen einer weiteren Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“, wandte das Militär alle Mittel auf, dessen Herkunft zu ergründen und, so der Befehl aus Paris, gegen den oder die Schuldigen ein Kriegsgerichtsverfahren zu eröffnen und hart durchzugreifen. Befragungen von Buchhändlern fanden statt, die Hinweise auf die Stein’sche Buchhandlung in Nürnberg erbrachten. Am 22. August 1806 wurde Johann Philipp Palm von französischen Gendarmen verhaftet. General Frere beschuldigte ihn, die Schmähschrift verlegt zu haben, was Palm bestritt. Nach dem strengen Befehl Napoleons an Marschall Bernadotte, wurde der Buchhändler nach Braunau verbracht.
Am 24. August begannen dort die Verhandlungen vor einem Militärtribunal, wobei Palm keinen Verteidiger beiziehen durfte. Bereits zwei Tage später erging das Urteil, das auf „Tod durch Erschießen“ lautete. Die Gnadengesuche von Bürgermeister und Stadtrat fanden kein Gehör, noch am gleichen Nachmittag wurde das Urteil vollstreckt.
Die Neuöttinger Spender nahmen Anteil an dem Vorhaben der Braunauer, dem Opfer napoleonischer Willkür ein bleibendes Gedenken zu bereiten.

Das Zeichen der deutschen Kaufmannszunft, das sich an verschiedenen Wirkungsstätten von Claude Pierre Cartier in Neuötting findet.
Das Zeichen der deutschen Kaufmannszunft, das sich an verschiedenen Wirkungsstätten von Claude Pierre Cartier in Neuötting findet.

Cartier in Neuötting

"Hier ruhet der Edl und Wohlfürneme Herr Claudi Peter Cartier gebiertig aus Savoyen, im leben gewester Handelsherr zu Neuötting. So gestorben Ao 1768 den ersten Oktober zwischen 5 und 6 Uhr Vormittag seines Alters im 45 Jahr. Gott verleih ihm die ewige Ruhe. Amen". Mit diesem Gedenkstein, angebracht in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus in Neuötting, hatte der Handelsherr Cartier das erreicht, was von vielen ausgewanderten Savoyarden als hohe Ehre für ein erfolgreiches Leben erstrebt wurde.

Savoyen leitet seinen Namen von "Sapaudia", das bedeutet "Tannenland" oder französisch "Savoie" ab und war das Stammland des Herzogtums Savoyen. Die Bewohner dieses Gebirgslandes mit seinen klimatischen Unsicherheiten, das nicht immer allen eine ausreichende Ernährung gewähren konnte, waren frühzeitig in ihrer Geschichte gezwungen, ihr Glück durch Auswanderung zu suchen. Zur mangelhaften Ernährungssituation kamen noch die Abgaben in Geld, Naturalien und Dienstleistungen an die Obrigkeit, die das Dasein zusätzlich erschwerten. Familien mit 10 und 15 Kindern waren außerdem nicht ungewöhnlich, wobei auf die gute Ausstattung der Töchter viel Wert gelegt wurde. Der älteste Sohn hingegen erbte Haus und Grund, seine nachgeborenen Brüder mussten durch eigene Tüchtigkeit ihr Fortkommen sichern. Erfolgreiche Kaufleute, die nach Jahren im Ausland, reich geworden nach Hause zurückkehrten und ihren Söhnen und Neffen die Fortführung ihrer Geschäfte überließen, verlockten so manchen jungen Mann, auch fern der Heimat sein Glück zu finden. Vielleicht würde sich auch für sie die Möglichkeit ergeben, den Stolz über die gelungene Aufnahme in die Handelswelt durch ein Familienwappen zu zeigen, geschmückt mit dem Zeichen der deutschen Handelszunft, der Ziffer 4, wie es viele Savoyarden in Holz oder Stein an ihren Häusern anbringen ließen.

Die Gemeinde Magland in Savoyen liegt an der Arve und hatte sich seit Ende des Mittelalters auf die Herstellung und Reparatur verschiedener Arten von Kesseln spezialisiert. Magland war auch einer der Orte, die zahlreiche Auswanderer hervorbrachten, wie Pierre Claude Cartier, der in Neuötting beeindruckende Spuren hinterlassen hat.

Der 1611 geborene Ahnherr, der Bauer und Wanderhändler Jean Cartier-Callit hatte fünf Söhne, von denen der zweitälteste Claude Louis das Gewerbe des Vaters fortführte. Dessen Sohn Claude Etienne Cartier und seine Ehefrau Maria Petrina waren schließlich die Eltern von Claude Pierre Cartier, der sich 1757 in Neuötting mit der Witwe Maria Juliana Rockinger, geb. Knieling, verehelichte. Claude Pierre Cartier gestaltete das Haus Ludwigstraße 72 am Stadtplatz von Neuötting in seiner noch heute bewunderten Ausführung. Eine vielleicht geplante Rückkehr nach Savoyen wurde durch seinen frühen Tod unmöglich, auch galt er in Magland als in Deutschland verschollen.

Weniger erfolgreich als Claude Pierre Cartier und heute nicht mehr bekannt, erging es dem Handelsmann Franz Claudi Rollin, der sich schon 1711 mit seiner Ehefrau Nicolina ebenfalls in Neuötting niederließ. Schon zwei Jahre später musste das Anwesen vergantet (versteigert) werden, wobei es die Bezeichnung "Franz Claudi Rollinsche Savoyarden Behausung" trug. Ein Verwandter oder Namensvetter Joseph Rollin aus Viuz-en-Sallaz hingegen kam um 1750 in Nürnberg zu großem Wohlstand.

Die Gedenksäule in Neumarkt-St. Veit an der Rottbrücke.
Die Gedenksäule in Neumarkt-St. Veit an der Rottbrücke.

Die Gedenksäule in Neumarkt-St. Veit an der Rottbrücke

Kurz bevor man die Rottbrücke vor Neumarkt-St. Veit passiert, sieht man zur rechten in einer kleinen Grünanlage ein hoch aufragendes Denkmal, das mit einem sitzenden Bronzelöwen bekrönt ist. Mit seiner linken Tatze hält er das bayerische Wappenschild, mit der rechten stützt er sich auf ein liegendes Schwert.

Die große Schrifttafel darunter und zur Straßenseite erinnert an die Schlacht bei Neumarkt am 24. April 1809. Näheres erfährt man von einer zweiten Inschrifttafel an dem Denkmal: „Bayern verlor hier unter Wredens Anführung von 10.000 Kriegern gegen die 3fach stärkere Österreichische Macht 37 Offiziere und 648 Soldaten darunter Oberst Graf von Taxis, Oberstleutnant von Taenzel und die Oberlieutenante Stengel und Biber“. Das Denkmal erinnert an die Zeit der napoleonischen Kriege und die Nennung Oberst Graf von Taxis bildet eine Verbindung nach Neuötting.

Die Mehrheit der altbayerischen Bevölkerung hatte im Frankreich Napoleons den Förderer Bayerns gesehen, aus dem Kurfürstentum Bayern war das Königreich Bayern entstanden.

Es begannen sich jedoch Zeichen eines beginnenden Umschwunges zu zeigen, denn die Bevölkerung litt unter den Abgaben für die französische Armee, die große Teile des Volkes in existenzielle Not brachten. Aus der Sicht Bayerns, dessen staatliche Existenz gefährdet sein könnte, war aber auch das Verhältnis zur Großmacht Österreich gespannt. Am 10 April 1809 überschritten österreichische Truppen von Schärding bis Braunau den Inn und kamen noch am selben Tag bereits bis zur Linie Marktl, Stammham, Burghausen. Napoleon eilte mit einem Heer in Eilmärschen heran und schlug die Gegner bei Abensberg und Eggmühl. Bei Neumarkt jedoch waren die österreichischen Truppen den abwehrenden bayerischen unter ihrem Anführer Generalleutnant Fürst Wrede dreifach überlegen, so dass sie sich über eine schmale Holzbrücke oder das sumpfige Uferland über die Rott zurückziehen mussten. Es ist überliefert, dass Oberst Graf Friedrich von Taxis ihren Rückzug deckte. Dabei wurde er vom Pferd geschossen. Seine Kameraden hielten ihn für tot, die nachrückenden Österreicher bargen ihn jedoch, nahmen ihn gefangen und brachten den schwer verwundeten nach Neuötting. Von Mittag bis zum Abend sollen laufend Fuhrwerke mit Verwundeten in der Stadt eingetroffen sein.

Friedrich Maximilian Valentin Hyacinth Judas Thaddäus Graf von Thurn und Taxis war am 6. November 1769 in Köln geboren worden. Mit 21 Jahren trat er in die Militärlaufbahn ein. 1808, also ein Jahr vor der Schlacht zu Neumarkt, hatte er sich mit Franziska Freiin von Gumppenberg-Brennberg verheiratet.

Der verwundete Oberst von Taxis wurde in Neuötting ins Haus des Chirurgen Joseph Gleichauf, in die Ludwigstraße 96, gebracht.

Seinerzeit befanden sich viele Militärangehörige in der Stadt. Manche Hauseigentümer verzichteten auf die Nutzung von „Soldatenkammern“, die ohnehin immer wieder für Einquartierungen abgetreten werden mussten.

Der Überlieferung nach soll die junge Ehefrau Graf Friedrichs an sein Krankenbett geeilt sein. Für die seinerzeitigen medizinischen Hilfen war die Verwundung jedoch zu stark und so starb er vier Wochen nach der Schlacht von Neumarkt am 23. Mai 1809, nicht ganz 30jährig. Er wurde auf dem St. .Sebastiani-Friedhof in einer Gruft an der Kirche beerdigt. Bis vor einigen Jahrzehnten erinnerte noch eine Gedenktafel an ihn.

Der Jubiläumsturm
Der Jubiläumsturm

Der Jubiläumsturm

1865 wurde die neue Stadtbergrampe allmählich in Betrieb genommen. Allmählich deshalb, weil sich die neu aufgeschüttete unbefestigte Kiesstraße durch den darüber rollenden Verkehr noch setzen und verfestigen musste.

Zur Unterbringung von Materialien der Kirchenverwaltung, wie z.B. Gerüstschragen, Steine, eine Radltruhe (Schubkarren) usw. war im selben Jahr am oberen Ende des Berges neben der neuen Straße eine Holzhütte errichtet worden.

Zum 500jährigen Jubiläum der Stadtpfarrkirche 1910 stellte Stadtpfarrer Leeb entrüstet fest, dass diese nun 45 Jahre alte Hütte wirklich eine Schande war! Halbzerfallen zeigte sie sich als erstes Bauwerk an der Südwestecke des Kirchenplatzes dem, der auf der neuen Straße in Richtung Stadt reiste. Und so beschloss er, wie er in seinen Aufzeichnungen festhielt, etwas Brauchbares zu errichten und zwar einen zweigeschossigen Turm nach Art der alten Stadttürme!

Herr Regierungsbaumeister Esterer von Altötting lieferte ihm für 50 Mark einen Bauplan und nach diesem wurde nun vor 100 Jahren, von Mitte Mai bis Mitte August 1910, der Turmbau ausgeführt. Eine ehemalige Neuöttingerin hatte Pfarrer Leeb 2.000 Mark vermacht, andere Freunde der Stadtverschönerung gaben weitere Gelder dazu. Einige Bierbrauer von Neuötting spendeten Nagelfluh-Blöcke, Ziegeleibesitzer August Unterholzner von Eisenfelden stiftete die Dachziegel. Eisenhändler Martin Leiß stellte das Material für die kupferne Dachfahne zur Verfügung, deren eigenwillige Form auch heute noch auffällt! Denn hier hatte sich Stadtpfarrer Leeb etwas Besonderes ausgedacht: „Zum Andenken an den Halleyschen Kometen, der heuer im Frühjahr die ganze Welt in Aufruhr setzte und sich dann doch kaum sehen ließ, habe ich in die Fahne einen Kometen einschneiden lassen.“

Zum Gedenken daran, dass der Turm in dem Jahr erbaut wurde, in dem der Baubeginn der mächtigen Stadtpfarrkirche ein halbes Jahrtausend lang zurücklag, nannte er ihn „Jubiläumsturm“!

Evangelische Christuskirche
Christusbild
Altar
Evangelische Christuskirche Christusbild Altar

Geschichte der evangelischen Christuskirche Neuötting

Seit 1892 werden in Neuötting evangelische Gottesdienste gefeiert, in den Anfängen allerdings noch behelfsmäßig im großen Saal des Rathauses. Auch ein Klassenzimmer der früheren Knabenschule in der Ludwigstraße 73 wurde zur Verfügung gestellt, beide Lokalitäten konnten ein eigenes Gotteshaus jedoch keinesfalls ersetzen! So schrieb der Evangelische Verein in einem Brief um das Jahr 1929 an den Landessynodalausschuss auch von letzterer als „kleinem, dunklen, unfreundlichen ausgedienten Schulsaal“.
Eine selbstständige Gemeinde hatte in den Anfängen noch nicht existiert. Der nächste Pfarrer wohnte in Traunstein, seelsorgerlich betreut wurde die Gemeinde vom nahen Burghausen aus, wo ein „exponiertes Vikariat“ bestand. Die evangelischen Christen sammelten sich im Evangelischen Verein Neu/Altötting, der 1893 gegründet wurde. Die Zahl der Gemeindemitglieder erhöhte sich Anfang des 20. Jahrhunderts stetig durch den Zuzug von Arbeitskräften in die neuen Fabriken in Töging a. Inn und Garching/Hart a.d. Alz.
Zeitgenössische Quellen berichten von Spenden über 70.000 Mark, die, von evangelischen Christen Bayerns erbracht, die Finanzierung eines eigenen Kirchengebäudes ermöglichten. Allein die Gemeindemitglieder Neuöttings waren mit 12.768,60 Mark daran beteiligt. Mit Regierungsbaurat Otto Hertwig aus Rosenheim und Prof. Dr. Theodor Fischer aus München konnten überregional tätige Architekten für das gesteckte Ziel gewonnen werden. Der ehemalige alte Theatersaal des katholischen Gesellenvereins war der Grundstock.
Einst war das Gelände der Holzplatz der ehemaligen Kaserne gewesen, die aus der Wittelsbachischen Burg (Standplatz heute Schulgebäude) entstanden war. Die Kaserne war im Stadtbrand des Jahres 1797 untergegangen.


Einladung zur Einweihung


Zum Peter- und Paulstag 1931 ergingen die Einladungen an die Gäste:
„Liebenswerte Glaubensgenossen! Freudigen Herzens teilen wir Ihnen mit, daß am Montag, dem 29. Juni dieses Jahres vormittags 9 Uhr die Einweihung unserer Kirche stattfindet, wozu wir Sie herzlichst einladen. Bitte kommen Sie mit Ihren lieben Angehörigen und Freunden und seien Sie unser Gast.“

Die Herren Stadträte erhielten eigene Einladungen:
„Die ergebens unterfertigte Vorstandschaft des evangelischen Vereins Neu-Altötting und Umgebung gestattet sich namens und im Auftrage des genannten Vereins den verehrlichen Stadtrat zu der feierlichen Einweihung der evangelischen Christuskirche in Neuötting am Montag, 29. Juni (Peter- und Paulstag) geziemendst einzuladen.“

Aus Anlass der Feierlichkeiten wurde die Bevölkerung Neuöttings gebeten, Fahnen aus den Fenstern zu hängen.

Es wurde jedoch damit gerechnet, dass in der neuen Kirche nicht alle Festgäste unterkommen konnten, weshalb am Herzog-Georg-Platz ein Festzelt aufgebaut wurde und um allen Anwesenden die Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen, sogar Lautsprecheranlagen zur Übertragung zur Verfügung gestellt.
Am Vortag des Festes fand im Glöcklhofersaal in Burghausen ein Begrüßungsabend statt, an dem auch Oberkirchenrat Dr. Baum teilnahm.
Am eigentlichen Einweihungstag führte ein großer Kirchenzug mit Musikkapellenbegleitung und den Kirchenchören von Burghausen, Garching, Mühldorf und Pfarrkirchen zur neu erbauten Kirche.
Im Verlaufe des Festgottesdienstes erhielt die Christuskirche drei Bibeln als Geschenk. Die erste stiftete Pfarrer Weber, der als erster in Neuötting evangelischen Gottesdienst gehalten hatte, die zweite Oberkirchenrat Dr. Baum zur Erinnerung an die vollzogene Weihe und die dritte Reichspräsident von Hindenburg mit eigenhändiger Widmung:
„Der Evangelischen Gemeinde in Neu-Altötting zur Einweihung ihrer neuerbauten Christuskirche mit dem Wunsche gewidmet, daß christliche Gesinnung, brüderliche Eintracht und vaterländisches Empfinden die Gemeinde stets beseelen und leiten mögen.“
Zur Gemeinde gehörten damals etwas mehr als 200 evangelische Christen.


Eine eigene Gemeinde wird gegründet


Es war nun auch der Zeitpunkt gekommen, an die Errichtung einer eigenständigen Kirchengemeinde zu denken.
1935 wurde schließlich das „exponierte Vikariat Neuötting / Pfarrei Burghausen / Dekanat Rosenheim“ gegründet.
Der erste allein für den Gemeindebereich Alt- und Neuötting zuständige Geistliche war Vikar Siegfried Büttner. Zur Gemeinde gehörten nun auch die Orte Garching a.d. Alz und Simbach a. Inn, so dass sie 800 Mitglieder zählte.
1939 wurde Vikar Friedrich Seitz Seelsorger, der jedoch nach einjähriger Amtszeit zum Wehrdienst einberufen wurde und erst 1945 mit einer Kriegsverletzung in seine Gemeinde zurückkehren konnte. Diese war zwischenzeitlich von Burghausen und Mühldorf a. Inn mit betreut worden.
Am 12. August 1948 wurde Neuötting eigenständige Kirchengemeinde und dem neuen Dekanat Traunstein zugeordnet, wobei Simbach a. Inn ausgegliedert wurde. Erster Pfarrer wurde Friedrich Seitz, der mittlerweile 3.127 Gemeindemitglieder versorgte, zu denen noch viele Flüchtlinge und Vertriebene hinzu kamen.An 14 Predigtstationen wurde nun Gottesdienst gefeiert: In der Christuskirche Neuötting, in der Michaelikirche Altötting, in der Marktkirche Tüßling, in den Pfarrkirchen von Hart a.d. Alz, Marktl und Winhöring, in der Antoniuskapelle in Reischach, in der Schlosskapelle in Klebing (Gemeinde Pleiskirchen) und in der Schulaula der Gemeinde Garching a.d. Alz.
Zur Entlastung des Pfarrers wurde 1950 ein Pfarrvikariat errichtet, das mit Friedrich Sinn im Jahr 1952 erstmals besetzt wurde.
Im selben Jahr beschloss der Kirchenvorstand den Bau eines Gemeindehauses mit Pfarrerwohnung. Die Kosten dafür waren mit 60.000 DM veranschlagt. Zuschüsse verschiedener Stellen ermöglichten den Bau des Gebäudes Herzog-Georg-Platz 1, das 1954 eingeweiht werden konnte.


Die Christuskirche

Bezugnehmend auf ihre Entstehungszeit stellt die Christuskirche einen klar gegliederten Baukörper dar, das Türmchen trägt seit dem Umbau ein Pyramidendach. Der Innenraum ist als heimeliger Ort gehalten, drei Rundbogenfenster zur Stadt und rechteckige, jeweils gegliederte Fenster zum Inntal erhellen ihn. Aus Holz ist die Empore gefertigt, wie auch die Galerie, die zu ihr führt. Die Galerie lastet auf der mächtigen ehemaligen Stadtmauer, die in den Kirchenraum mit einbezogen wurde und dadurch die Verbindung zur Stadtgeschichte herstellt. Die baulichen Veränderungen des Jahres 1970 betrafen den Innenraum, die Kanzel, die Fenster und den Altar. Zusätzlich wurde über dem Eingang ein mit Dornen gekröntes Christushaupt angebracht.


Zur Ausstattung

Die Ausstattungsgegenstände sind, ihrer Entstehungszeit gemäß, neuzeitlich gehalten.
Seit 1986 ist im Altarraum Hubert Distlers Werk „Verkündigung“ aufgestellt. Hubert Distler, geb. 1919, war erster Kunstpreisträger der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern.
„Verkündigung“ ist eine Altarwandtafel in Holzschnitttechnik, nachträglich farblich behandelt. Es ist ein modernes Osterbild. Seine beiden Engel wollen verkünden: „Jesus Christus ist vom Tod auferstanden“. Seine Farben wollen deutlich machen: „Diese Auferstehung hat für die ganze Welt Bedeutung“. Das großflächige Weiß ist Ausdruck für Gottes Einbruch in diese Welt. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Dem Leben mit Gott gehört die Zukunft. Das holzfarbene Braun ist die Farbe des irdischen vergänglichen Lebens. Das farbliche Dunkelrot ist Ausdruck für vergossenes Blut und Leiden. Mitten in dieser Welt bietet Gott in Jesus Christus sein Heil an.