Historisches aus Stammham

St. Laurentiuskirche

Stammham

Auf der schmalen Inntalterrasse mit dem nordseits bewaldeten Höhenzug des Marktlberges liegt das uralte Dorf Stammham.
Noch älter als der Name Stammham dürfte die Ansiedlung als solche sein. Bodenfunde beweisen, dass vor der christlichen Zeitrechnung bereits Kelten hier Wohnstätten hatten. So wurden im Jahr 1897 in der Nähe des alten Pfarrhofes in Hofschallern ein keltisches Schwert und zwei Messer zu Tage gefördert. Der „Burghauser Anzeiger“ teilte am 1. August 1899 mit, dass das königliche archäologische Institut die Echtheit des Schwertes bestätigt habe, und es sich um ein „Sax“ handele, „jene alten Kriegsschwerter, lang und spitz, die lange schon vor dem Erscheinen der Römer geführt worden sind.“
Ob Stammham als Siedlungsgebiet bereits in der Bronze- oder Urnenfelderzeit genutzt wurde, lässt sich derzeit nicht bestimmen. Vielleicht haben sich die Menschen damals auch nur zeitweilig hier niedergelassen und dabei den Topf zerschlagen, dessen Scherben in unseren Tagen auf einem Acker gefunden wurden.
Zur Römerzeit führte durch das Gebiet der heutigen Gemeinde Stammham eine Straße, von Augsburg kommend, über Passau nach Wels.
Der Ortsname Stammham soll schließlich von einem bajuwarischen Siedler her rühren, der, vielleicht „Stamo“ heißend, sich mit seiner Sippe hier niederließ. 1971/72 wurde südlich des Ortes, beim Bau des neuen gemeindlichen Friedhofs, ein Reihengräberfeld mit Grabbeigaben entdeckt.

Wann die erste Kirche in Stammham errichtet wurde, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Auf Stammham als Pfarrei wird urkundlich erstmals am 13. August 1188 hingewiesen. Ihr tatsächliches Alter dürfte jedoch wesentlich höher sein. Ausgehend von ihrer großen Ausdehnung dürfte sie zu den ältesten Pfarreien in der Region zählen. Die Pfarrei Stammham unterstand, von ihren Anfängen her, über ein Jahrtausend dem Erzbistum Salzburg, kam 1817 vorübergehend zum Bistum Freising und wurde 1827 dem Bistum Passau eingegliedert. Die frühe Nennung im Jahr 1188 verdankt die Pfarrei Stammham ihrem Pfarrer mit Namen Chuonrad de Stamhaim. Er entstammte einer edelfreien Familie von Stammham und war zugleich Domherr in Passau.

Etwa 300 Jahre später, zum Ende des 15. Jahrhunderts, begann der Bau der heutigen Pfarrkirche. Sie ist dem Hl. Laurentius geweiht, ein sehr frühes Patrozinium, das ebenfalls auf das hohe Alter der Urpfarrei Stammham hinweist.
Der Hl. Laurentius war in Spanien geboren worden und war einer der sieben Diakone der Christengemeinde in Rom. Der Legende nach weihte ihn Papst Sixtus II. schon in jungen Jahren zum Priester. Papst Sixtus II. gab vor seiner Hinrichtung, in der Zeit der Christenverfolgung, Laurentius den Auftrag, den Kirchenschatz unter den Armen aufzuteilen, was dieser unverzüglich ausführte. Daraufhin ließ Kaiser Valerian Laurentius zu Tode martern.

Die Kirche ist ein einschiffiger, außen unverputzter, verfugter Tuffsteinbau, der im 16. Jahrhundert verlängert und im 18. Jahrhundert umgestaltet wurde.
Der gotische Altarraum ist etwas eingezogen, hat zwei Joche und Schluss in fünf Achteckseiten. Das Langhaus weist fünf Joche und ein Tonnengewölbe mit Stichkappen auf. Nach der Wende zum 20. Jahrhundert waren zwei prächtige Fenster zu beiden Seiten des Hochaltares eingebaut worden. Sie zeigen auf der linken Seite die Hl. Elisabeth von Thüringen und auf der rechten Seite den Hl. Ludwig IX.

Die Hl. Elisabeth wurde 1207 als Tochter von König Andreas II. von Ungarn und seiner Gemahlin Gertrud von Andechs geboren. 1221 verehelichte sie sich mit Ludwig, dem Sohn des Landgrafen von Thüringen. Elisabeth setzte sich sehr für die Armen ein und tat auch selbst Dienst an Kranken und Aussätzigen. Nach der Legende verwandelte sich Brot, das sie in ihrer Schürze den Hungernden bringen wollte, in Rosen, nachdem sie ihr Schwiegervater wegen ihrer Freigebigkeit gerügt hatte.
Der Hl. Ludwig IX. wurde 1214 als Sohn König Ludwigs VIII. von Frankreich und Blanka von Kastilien geboren und bereits mit elf Jahren zum König gekrönt. Ludwig förderte die Bettelorden und gründete Spitäler. König Ludwig I. von Bayern ließ im 19. Jahrhundert die Münchner Ludwigskirche zu seinen Ehren erbauen.

Woher die Mittel für die Kirchenfenster kamen ist schriftlich nicht festgehalten. Die Kirchenrechnungen der Pfarrei Stammham weisen dafür keine Ausgaben aus!
Es gibt allerdings eine Vermutung.

Am 18. November 1904 erfolgte die Konsekration der fünf neuen Stammhamer Kirchenglocken (St. Laurentius, St. Maria, St. Elisabeth, St. Peter Paul, St. Michael). Als Hauptwohltäterinnen sind in der örtlichen Pfarrchronik zwei Frauen genannt, Elisabeth König und Monika Mosner, die am Festakt teilnahmen. Elisabeth König war am 3. November 1840 als Bauernstochter der Eheleute Josef und Anna Maria Mosner geboren worden. Am 10. Oktober 1871 verehelichte sie sich in Lanhofen, Pfarrei Stammham, mit Georg König. Es scheint, dass die Ehe kinderlos geblieben war. Ein Chronikeintrag besagt, dass sie viele Jahre als Witwe Gott mit Beten und Fasten diente. Als sie am 9. September 1921 mit 80 Jahren in Stammham als „Privatier“ verstarb, würdigte der Chronist ihre Großzügigkeit, da sie ihr Vermögen der Kirche vermacht hatte. Ihre Schwester, womit wahrscheinlich Monika Mosner gemeint war, sei bereits verstorben, hielt der Schreiber fest und zählte nochmals auf, wofür die insgesamt 7.000 Mark verwendet worden waren, die Elisabeth König der Kirche gestiftet und vererbt hatte: für die Anschaffung des Geläutes, die Ausmalung der Kirche und nicht zuletzt für die Einrichtung des elektrischen Lichts im Gotteshaus.
7.000 Mark waren eine große Summe Geldes, wenn man bedenkt, dass seinerzeit eine bäuerliche Magd, neben freier Kost und Logis, einen Jahreslohn von etwa 20 Mark erhielt!
Hinzu kam noch die betragsmäßig unbekannte Spende der Monika Mosner. Was an Geldern über die Jahre nicht verbraucht worden war, so die Chronik, sei in die „Kirchenprivatkasse“ geflossen.

Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Anschaffung der Fenster auf Kosten einer oder beider Schwestern erfolgte, denn die Chronik berichtet über keine weiteren Spender.
Im Falle der Elisabeth König wäre dann sogar die Verehrung ihrer Namenspatronin zum Ausdruck gekommen. Vielleicht war es ihr oder ihrer Schwester ein Anliegen gewesen, als zweite Darstellung den wohltätigen Ludwig IX. zu wählen?

Im Zuge der „Bereinigung“ der 1960er Jahre wurden die Fenster 1969 ausgebaut, ungeachtet dessen, dass ein Gebäude eine Veränderungsgeschichte erleben kann. Zwei „Retter“ achteten den Stifterwillen und nahmen sich der Kirchenfenster an. Sie lagerten sie in ihren Höfen zu einem langen „Dornröschenschlaf“ ein.

Als der Stammhamer Kirchenpfleger den Pfarrhof-Dachboden aufräumte, fand er zwei Papierrollen. Es stellte sich heraus, dass es die Originalarbeitsvorlagen für die Kirchenfenster waren, die sich an unbeachteter Stelle erhalten hatten.
Das Wissen um die Fenster hatte in der Bevölkerung über die Jahrzehnte bestanden und seit geraumer Zeit schwelte der Wunsch, sie wieder in die Kirche zu bringen. Viele Stammhamer spendeten kleinere und größere Beträge, um dieses Vorhaben eines Tages in die Tat umsetzen zu können. Doch musste erst die Schwelle zu einem neuen Jahrtausend überwunden werden, bis sich Vertreter der Diözese und der Denkmalpflege vor Ort einfanden und schließlich die Einwilligung zur Durchführung dieses Planes erteilten.
Zwar fehlten im oberen und unteren Fensterteil einzelne Felder, bzw. einzelne Scheiben, die wesentlichen figürlichen Teile hatten sich über fast vier Jahrzehnte jedoch gut erhalten, bedurften aber einer Konservierung.

Zum 1.750sten Todestag des Kirchenpatrons war es dann so weit: Die Pfarrgemeinde Stammham feierte am 10. August 2008 das Laurentiusfest und den Wiederaufbau der Buntglasfenster mit der Hl. Elisabeth von Thüringen und dem Hl. Ludwig IX. Unter weißblauem Himmel formierte sich am Morgen der Kirchenzug mit den Fahnenabordnungen und der Pfarrbevölkerung.
Dompropst i.R. Lorenz Hüttner feierte den Gottesdienst in Konzelebration mit Ortsseelsorger Josef Kaiser und Pfarrer Adolf Fritscher. Der Kirchenchor unter Leitung von Dr. Eduard Mügschl und die Instrumentalisten gaben dem Gottesdienst mit einer von Pfarrer Kaiser eigens komponierten Laurentius-Messe einen festlichen Rahmen.

Quellen:
Chronik der Pfarrei Stammham, Pfarramt Stammham
Archiv der Diözese Passau, Kirchenrechnungen Pfarrei Stammham
Heimatkundliche Stoffsammlung, Unterreiner Lorenz, Stammham 1982
Die Kunstdenkmale des Königreiches Bayern, Bezirksamt Altötting, München 1903
Handbuch der Deutschen Kunstdenkmälern – Oberbayern, Dehio Georg, Berlin 1964
Alt-Neuöttinger Anzeiger Nr. 245 vom 24.10.2006
Alt-Neuöttinger Anzeiger Nr. 187 vom 12.08.2008

Pfarrer Kaiser und das Kirchenpflegerehepaar Feilkas mit einer Originalrolle als Vorlage für das Fenster der Hl. Elisabeth.Im Hintergrund die noch verschlossenen Fensteröffnungen.