Historisches aus Tüßling

Schloss Tüßling

Die englischen Vorfahren der Tüßlinger Schlossbesitzer.

Beitrag von Rudolf Roßgotterer, Ortsheimatpfleger Tüßling

Im Zusammenhang mit dem 250 Todestag von Georg Friedrich Händel (1673-1759) konnte in dieser Reihe auch die Bedeutung der Vorfahren der derzeitigen Besitzerfamilie des Schlosses Tüßling in musikhistorischer Hinsicht dargestellt werden.[i] Und ebenfalls in dieser Reihe war die Geschichte der Familie selbst Thema eines Aufsatzes.[ii] Wie sich aber aufgrund meiner weiterführenden Forschungen herausstellte, war diese Familie in England sehr viel bedeutender als zunächst angenommen. So spielte sie auch im Zusammenhang mit der englischen Königin Jane Grey, der sogenannten „Neun-Tage-Königin“ eine wichtige Rolle.

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Kerze

Nachtwächter in Tüßling

Beitrag von Rudolf Roßgotterer, Ortsheimatpfleger Tüßling

Noch bis in die 1920er Jahre hat besonders der Nachtwächter in Tüßling auf mögliche Feuerquellen und Brandherde geachtet. 1852/53 hatte dieses Amt der Tüßlinger Taglöhner Xaver Binder inne, er war auch als Laternenanzünder tätig und wohnte „im Loch“, Haus Nr. 64, heute Bachstraße 10. Herr Brunner und Herr Buchinger, die letzten Nachtwächter in Tüßling etwa vor dem Zweiten Weltkrieg sind älteren Bürgern noch in guter Erinnerung. Der Nachtwächter war bekleidet mit einem Umhangmantel, einem sogenannten „englischen Havelock“, trug eine Laterne und einen kleinen Spieß, der einer Hellebarde glich. In Tüßlinger Privatbesitz hat sich eine Laterne erhalten, die traditionell als die des letzten Nachtwächters überliefert ist. Um die Bürger zur Vorsicht zu mahnen, hatte der Nachtwächter alle volle Stunden seinen Ruf erschallen zu lassen, der uns durch eine ältere Zeitungsnotiz überliefert ist und hiernach aus dem 17. Jahrhundert stammen soll:

"Hört ihr Herrn und lasst euch sagen:
Unsre Uhr hat zehn geschlagen!
Zehn Gebote setzt Gott ein;
Gib, dass wir gehorsam sein.

(Refrain)

Hört ihr Herrn und lasst euch sagen:
Unsre Uhr hat elf geschlagen!
'Elf Apostel blieben treu,
Einer trieb Verräterei.

(Refrain)

Hört ihr Herrn und lasst euch sagen:
Unsre Uhr hat zwölf geschlagen!
Zwölf das ist das Ziel der Zeit;
Mensch, bedenk die Ewigkeit.

(Refrain)

Hört, ihr Herrn und lasst euch sagen:
unsre Uhr hat eins geschlagen!
Ist nur ein Gott in der Welt,
Ihm sei all's anheim gestellt!

(Refrain)

Hört, ihr Herrn und lasst euch sagen:
unsre uhr hat zwei geschlagen!
Zwei Weg hat der Mensch vor sich;
Herr, den rechten führe mich!

(Refrain)

Hört, ihr Herrn und laßt Euch sagen:
unsre Uhr hat drei geschlagen!
Drei ist eins, was göttlich heißt!
Vater, Sohn und Heil'ger Geist!

(Refrain)

Hört, ihr Herrn und laßt euch sagen:.
unsre Uhr hat vier geschlagen!
Vierfach ist das Ackerfeld!
Mensch, wie ist dein Herz bestellt?

(Refrain)


Refrain:
Hört ihr Herrn und lasst euch sagen:
Unsre Uhr hat... geschlagen!
Löscht das Feuer und das Licht,
Damit niemanden ein Leid geschieht.
Menschenwachen kann nichts nützen,
Gott muss wachen, Gott muss schützen;
Herr, durch deine Güt' und Macht,
gib uns eine gute Nacht!"


Der Ruf wurde wohl ähnlich in vielen Gegenden Bayerns verwendet, so etwa auch in Ansbach bis 1880, wo angeblich der Ruf nach der Gesangbuchmelodie  „Will es wohl bisweilen scheinen...“ abgesungen wurde. Der dort verwendete Text soll nach lokaler Tradition von der Ansbacher Markgräfin selbst verfasst worden sein.

Notenblatt

Die „Griechenländer“-Soldaten in Tüßling

Beitrag von Rudolf Roßgotterer, Ortsheimatpfleger Tüßling

Am 27. Januar des Jahres 1833 landete in Nauplia König Otto von Griechenland. Er war zusammen mit mehreren bayerischen Militäreinheiten etwa einen Monat zu seinem neuen Königreich unterwegs gewesen. Auf dem Landweg marschierte man erst bis Triest und fuhr von dort mit Schiffen weiter.

König Otto war der Sohn des bayerischen Königs Ludwig I. von Bayern. Mit ihm begann für Griechenland eine neue geschichtliche Ära, nachdem es endgültig von den Türken befreit wurde, die es Jahrhunderte lang besetzt hielten.

Bayern hatte vertragsgemäß mit diesem Regenten als Schutztruppe ein Korps von etwa 3500 Mann zu stellen. Diese Soldaten wurden damals als Freiwillige angeworben. Ein guter Sold, wie auch die, - zu dieser Zeit keineswegs selbst­verständliche -, zugesagte Versorgung der Familie führte schnell zu einer großen Zahl von Soldaten, die in Griechenland Dienst tun wollten. Bereits 1835 waren mehr als 5000 Mann in Griechenland stationiert. Viele nahmen ihre Familie auch mit. Nach statistischen Notizen sind im ganzen 294 Frauen und 205 Kinder mit nach Griechenland gezogen.

Auch erteilte man großzügig Heiratserlaubnisse an die Angeworbenen, die dann bei einem Zwischenaufenthalt auf ihrem Marsch in das ferne Land die Hochzeit in einer der auf der Strecke liegenden Kirchen in Bayern hielten. So kam es, dass am 5. März 1834 in der Tüßlinger Pfarrkirche St. Rupert in Burgkirchen am Wald „auf dem Durchmarsch nach Hellas“, wie es heißt, neun bayerische Soldaten „mit weltlicher Heiratslizenz vom Kommando des kgl. bayr. Infanterie-Bataillons  Nr.7“  heirateten.

Man dachte bei Anwerbung der Truppen durch diese Heiratserlaubnisse etwas Gutes zu tun und so größeren Zuspruch zu erhalten. Das war auch sicher der Fall; allerdings wusste wohl kaum eine der betroffenen Frauen, was ihnen an Strapazen und Entbehrungen bevorstand. Ja viele der Soldaten und ihrer Fami­lienangehörigen erlagen den Anforderungen des Klimas, den Seuchen, aber auch den Kugeln der Aufständischen und starben in der Fremde.

Der Abschied von ihrer bayerischen Heimat fiel diesen „Griechenländern“, wie man sie damals allgemein nannte, sehr schwer und fand wohl seinen schönsten Ausdruck in dem gefühlvollen Lied „Das Schifferl schwingt sich dani vom Land“, das besonders schön vom „Passauer Viergsang“ vorgetragen wird. In Passau singt man dieses Lied sehr gerne, weil viele Soldaten auf ihrem Marsch nach Griechenland hier Bayern zum letzten Mal für immer Lebewohl sagten.

Die Hofmark Tüßling

Beitrag von Rudolf Roßgotterer, Ortsheimatpfleger Tüßling

Die Schloßbesitzer in Tüßling waren früher auch Hofmarksherren. Die damit zusammenhängenden Aufgaben erledigten die Hofmarksrichter. Seit 1555 war dies Bernhard Pogner (1539-1588). Sein Grabstein befindet sich am linken Seitenaltar der Pfarrkirche St. Rupert in Burgkirchen a. W. Die Stadt Neuötting ehrte ihn mit einem Epitaph an der linken Chor-Innenwand der dortigen Pfarrkirche St. Nikolaus. Unter seiner Leitung wurde 1583 das heutige Schloss Tüßling fertiggestellt. Das Hofmarksgericht befand sich ab dem 16. Jahrhundert im heutigen Rathaus. Dort übten viele derartige Richter ihr Amt aus. Das Hofmarksrecht darf nicht mit dem Marktrecht der Bürger verwechselt werden.

Die Hofmark war zugleich politische Gemeinde, Niedergerichtsbezirk und Wirtschaftsunternehmen. Sie übte niedere Zivil- und Strafgerichtsbarkeit, ferner Schieds- und Urkundsgerichtsbarkeit aus und hatte wirtschaftliche Vorrechte wie das Brau- und Mühlenrecht, das Vorrangsrecht bei der Nutzung der Wasserkräfte und den örtlichen Wildbann. Vor allem aber besaß die Hofmark ein wirtschaftliches Konzessions- und Zulassungsrecht für das Handwerk, das Gewerbe und die ländliche Kleinsiedlung, das dem Recht der Städte und der Zünfte praktisch gleichstand und sich bis zum Gewerberecht von 1808 auch gegen das landesherrschaftliche Recht der Gewerbezulassung behaupten konnte.

1311 erließ Herzog Otto III. die sog. „Ottonischen Handveste“. Sie war ein Zugeständnis des Herzogs an die niederbayerischen Stände, die als Gegenleistung die allgemeine politische Notlage anerkannten und eine Landsteuer zugunsten des Herzogs übernahmen. Diejenigen Prälaten, Adeligen, Städte und Märkte, die die Steuer bezahlten, besaßen die Möglichkeit des Gerichtserwerbs bzw. der bereits in ihrer Hand befindliche niedergerichtliche Besitz wurde bestätigt oder erweitert. Der Herzog verzichtete darauf, die Hintersassen der Landstände selbst zu besteuern. 1330 erließ Kaiser Ludwig IV. der Baier das Hofmarkendiplom, das diese Rechtsverhältnisse auf das ganze wittelsbachische Herrschaftsgebiet übertrug. Das Landrecht von 1346 schloss diese rechtliche Grundlagenentwicklung ab. Es gab geschlossene Hofmarken, die ein zusammenhängendes Gebiet bildeten, aber auch offene, die von Siedlungen anderer Herrschaftsträger durchsetzt waren. 1555 wurden die Hofmarksrechte auch auf sogenannte „einschichtige Güter“ ausgedehnt. Das sind solche, die nicht im räumlichen Zusammenhang mit ihren Hofmarken standen. So besaß die Tüßlinger Hofmark neben ihren bereits 1630 im Neumarkter Gericht fünf Güter, im Kraiburger Gericht 13, in Kastl „mit Stifftsdienst und anderem zum beneficio Unseres lieben Herrn zu Heiligenstatt“ vier, im Trostberger Gericht neun, im Gericht Kling drei, im Gericht Wald an der Alz ein, im Mömoosener Gericht zwölf, die Hofmark Winkl mit sechs, im Neuöttinger Gericht sieben Güter. Angegliedert war auch die Herrschaft Winhöring, mit über 43 Liegenschaften.

Bernhard Pogner (1539-1588), Hofmarksrichter in Tüßling

Beitrag von Rudolf Roßgotterer, Ortsheimatpfleger Tüßling

Bestimmt hat schon mancher Kirchgänger in der schönen Neuöttinger Stadtpfarrkirche St. Nikolaus das herrliche und wertvolle, im Renaissance-Stil ausgeführte Relief "Jesus der Kinderfreund" an der inneren Nordwand des Chores bewundert. Vielleicht ist ihm dabei auch die darunter angebrachte Darstellung eines knieenden Mannes in der stattlichen Tracht des 16. Jahrhunderts aufgefallen.

Von der um die Jahrhundertwende angebrachten neugotischen Holz-Einfassung wird man sich über das Alter des Reliefs nicht täuschen lassen; eine Tafel verrät es uns: "Epitaph des Bernhard Bogner, Törring'scher Richter in Tüssling u(nd) Bürger in Neuötting, gestorben 1588, errichtet 1595, neu gefasst 1904". Was hat die nach ihm Lebenden veranlasst, diesem Mann ein solch prächtiges Denkmal zu errichten?

Es war zweifellos seine große Mildtätigkeit, die er Neuötting angedeihen ließ, der Stadt, in der er seit 1570 ein Haus besaß. Bernhard Pogner wurde 1539 in Rain am Lech geboren. Er studierte ab dem Sommersemester 1557 an der Artisten-Fakultät der Universität Ingolstadt. An dieser Fakultät wurden nach antikem Vorbild Fächer wie Grammatik, Rhetorik und Logik gelehrt. Später folgte das Studium der Rechte. Pogner erwarb den akademischen Titel "Artium Baccalaureus".

Seit etwa 1570 war Pogner Hofmarksrichter in Tüßling und Winhöring für seinen Herrn Johann Veit von Toerring. Mit einiger Wahrscheinlichkeit verrichtete er sein Amt im Hofmarksrichterhaus in Tüßling, das heute nach erfolgter Renovierung der Marktgemeinde als Rathaus dient.

Pogner war ein strenger, aber gerechter Mann, dies erhellt aus den Akten eines Rechtsstreits, den er für seinen Herrn gegen Aschauer Untertanen führte, die sich 1580 bei der Regierung in Landshut darüber beschwerten, dass sie für den zu dieser Zeit durchgeführten Schloss-Neubau zu Tüßling Fuhrscharwerk leisten mussten, wobei ihnen die Entfernung von ihrem Heimatort zu weit gewesen war. Auf Pogner lastete die große Verantwortung für diesen Schloss-Neubau, umso mehr, als 1582 sein Herr verstarb und er den gesamten Besitz für dessen unmündigen Kinder und die Witwe zu verwalten hatte!Wie wir an dem herrlich vollendeten Schloss heute noch sehen, wurde er dieser Aufgabe aber voll gerecht und konnte auch den gesamten Besitz seines verstorbenen Herrn erhalten.

Entweder seine Sparsamkeit oder sein guter Dienst machte ihn selbst so wohlhabend, dass er 1570 vom Bürger Haimeran Schlotmann ein Haus zu Neuötting "zwischen Leonhard Pinders und des edlen und vesten Christoph Auers Häusern" kaufte, ferner 1573 die Meiselhube zu Teising, welche herzogliches Beutellehen war, das Thurnhubergut in Queng, ein Gut zu Staudham, einen Hof zu Hoheneck und einen zu Perach und außer anderen kleineren Gütern 1579 noch die "zwei Theile des ganz völligen Zehents, es sei in Zehentgeld, Getreid, Heu und anderem Gewächs und Früchten, nichts ausgenommen, welcher bemelte Zehent gelegen ist im Fürstenthum Baiern al; im Burgfried zu Neuenötting". Dieser Zehent war herzogliches Lehen.

1583 stiftete Pogner 100 Gulden für die armen Schüler an der "Lateinischen Schule" in Neuötting, ebenfalls 100 Gulden für die Bewohner des Heilig-Geist-Spitals und weitere 100 Gulden für die des St.-Anna-Siechenhauses.

Die Urkunden dieser Stiftungen existieren noch und zählen zum Bestand der bewundernswert schön geschriebenen und mit Siegeln versehenen alten Urkunden im Stadtarchiv Neuötting. Eine weitere Stiftung betraf die Pfarrkirche in Neuötting. Durch ein Testament von 1585 und ein Codicill von 1588 stiftete Pogner 540 Gulden, wovon die Zinsen jährlich unter fünf Hausarme der Hofmark Winhöring verteilt werden sollen, stiftete mit 1000 Gulden in seiner Vaterstadt einen Jahrtag, vermachte eine gleiche Summe seinem Bruder Alexander und schenkte dem Heilig-Geist-Spital zu Neuötting sein Gut zu Staudham. Alle seine übrigen liegenden Stücke und Güter, auch der Zehent zu Neuötting, sollten unverteilt und unverändert auf seine Freunde fallen, und zwar stets nur auf den Ältesten, mit der Bedingung, dass dieser das Haus zu Neuötting bewohne.

Bernhard Pogner starb kinderlos am 21. November 1588. Seine Frau Anna, geborene Schmidhaimer, starb kurz vor ihm am 13. Oktober 1588. Beider Grabstein, ein schönes Rotmarmor-Relief, zeigt die Kreuzigung Christi, darunter mit ihren Wappen die beiden Verstorbenen. Der Stein befindet sich an der nördlichen Innenwand der Tüßlinger Pfarrkirche St. Rupert in Burgkirchen a. Wald. Er ist 1,95 Meter hoch und 1,05 Meter breit und trägt die Inschrift:

"Hie liegen begraben der Ehrenvest und Wolgelert Bernhard Pogner, ARTIU M BACCALAUREUS und gewester Thöringerischer Richter zu Tissling und Winhöring Auch Anna Schmidhaimerin sein Eheliche Hausfrau Welliche Khürtzlich nacheinander Sy den 13. tag Octobris und er hernach den 21. Novembris Anno SALUTIS notrae 1588 ... gestorben."

Markterhebung Tüßlings

Beitrag von Rudolf Roßgotterer, Ortsheimatpfleger Tüßling

Im Zeitalter des werdenden Territorialstaates des späten Mittelalters waren Stadt- und Marktsiedlungen wichtigste Stützpunkte für den Landesherrn; das bayerische Städte- und Marktwesen dieses Zeitalters ist überwiegend unter landesherrlich-herrschaftlichem Blickwinkel zu sehen, es ist ein Stück dynastischer Territorialpolitik vor allem des herzoglichen Hauses, dann auch der kleineren, nach der Landeshoheit strebenden Herrschaftsträger. Wie der Herzog so waren auch die anderen Großen allenthalben bestrebt, durch Auf- und Ausbau von Markt- und festen Stadtorten die Staatlichkeit voranzutreiben. Viele Städte und Märkte in Bayern verdanken ihre Entwicklung dem Bemühen der aus dem landesfürstlichen Herzogtum hinauswachsenden Kräfte, durch die neue Siedlungsform von Stadt und Markt ihrem Gebiet Rückhalt zu gewähren. Die Bedeutung des grundherrschaftlichen Landes für die Entstehung von Städten und Märkten ist bei einer Reihe von herzoglichen Orten zu erkennen, die neben älteren, aber unter anderen Grundherrschaften stehenden Siedlungen durch planmäßige Ausbaumaßnahmen entstanden sind; so etwa Neuötting neben Altötting. Auch der wirtschaftliche Gesichtspunkt des Warenaustausches auf den lokalen Märkten, ohne deren Recht auf die Dauer keine städtische Siedlung, erst recht kein Markt bestehen konnte, lag in der Zeit mit ihren gesteigerten wirtschaftlichen Ansprüchen, ihrer erhöhten Nachfrage nach Gütern und ihrer höheren Fähigkeit zu geldwirtschaftlichem Handelsgebaren begründet.

Die vorwiegend merkantil zu betrachtende Entstehungsgeschichte vieler Märkte lässt hier Interessantes erkennen: Es gelang vielen in die Landeshoheit des Herzogtums eingegliederten geistlichen und weltlichen Herren sogenannten „patrimonialen oder landsässigen Märkten“ Privilegien zu erteilen; so besaß Tegernsee, das frühere Reichskloster, das sich der bayerische Herzog unterwarf, den Markt Holzkirchen, Niederalteich den Markt Hengersberg; Wolnzach, Au in der Hallertau und Pöttmes unterstanden die weltlichen Herrschaften gleichen Namens; der Herrschaft Haidenburg war der Markt Aidenbach unterworfen und die Grafen und Herren von Leonberg gründeten die Märkte Tann und Marktl.[i] Eine ähnliche Situation galt auch für den Markt Tüßling, den die Schlossbesitzer als Hofmarksherren begründeten und besaßen; die Törringer, als damalige Schloßbesitzer seit 1361 werden nämlich ausdrücklich in den Markterhebungsurkunden genannt. Ausschließlich ihnen wird das Marktrecht erteilt. Allerdings waren im Fall Tüßling scheinbar aber auch die Herzöge bei der lokalen Herrschaftsausübung, möglicherweise auch beim hiesigen Hofmarksrecht beteiligt.

Die wichtigen Markterhebungsurkunden von 1377 und 1379 zeigen nämlich, dass wir hier in Tüßling in dieser Zeit herzoglich-wittelsbachischen Gerichts-Besitz vor uns haben, der auf alte Zeit zurückgeht. Im Text der Urkunde von 1377 verweisen die bayerischen Herzöge nämlich ausdrücklich auf „unnser Gericht, das wir von alters da haben. Das behalten wier unns selber“. Gemeint ist hier wohl die niedere Gerichtsbarkeit, denn die hohe oder Blutgerichtsbarkeit stand nicht zur Debatte; diese war wohl damals schon insoweit geregelt, daß diese von den Landgerichten wahrgenommen wurde.[ii] Auch die für die Markterhebung ebenfalls wichtige Urkunde von 1383 über die Heiligenstätter Dult in Tüßling[iii],- die heutige Tüßlinger Dult,- und die in diesem Zusammenhang wichtige, einen Tag später ausgestellte Urkunde über die Hofdult in Altötting[iv] zeigen Wittelsbacher Einfluß. Da die Dult-Urkunden in dieser Reihe bereits entsprechend gewürdigt wurden, seien hier nun die beiden Markterhebungsurkunden in ihrem gesamten Wortlaut aufgeführt.

Die Urkunden sind Teil eines größeren Konvoluts Tüßlinger Urkunden im Stadtarchiv Trostberg[v] und erst 1957 von dem bekannten Lehrer und Heimatforscher Heinrich Nuber dort entdeckt worden.[vi] Das Konvolut entstand als Abschrift, die Martin Perger, Freisinger Bistums- und Bayerischer Hofgerichts-Notar 1611 anfertigte. Ihm lagen dazu die Tüßlinger Markerhebungsurkunden und die Dulturkunde vor in einer Vidimation von 1538 des Raitenhaslacher Abtes Christoph, sowie in einer ebensolchen von 1529 des damaligen Tüßlinger Schloßbesitzer und Hofmarksherrn Caspar von Törring zum Stein und Tüßling, sowie  eine Tüßlinger Weinschenk-Ordnung der Törringer ebenfalls von 1529, einem Regierungs-Recess zum Tüßlinger Zapfrecht von 1545, einer Burghauser Regierungsverordnung zu einem Streit zwischen der Stadt Neuötting und dem Markt Tüßling von 1540 und einem Regierungs-Recess zum Weinschenken des Pfarrers von Burgkirchen am Wald von 1548.

Markterhebung 1377: ,,Wir, Ott, des heiligen Römischen Reiches Erz Cammerer Churfürst, und Wir, Friedrich, sein Vetter, baide von Gottes genaden Pfallzgrafen bey Rhein, Herzöge in Bayrn. Beckhennen offentlich mit dem Brief für unns und unsere Nachckhommen, das wir nach Rhatt und willen unsers lieben Vettern und brueders, Herzog Steffans, unserm lieben getreuen Seyzen dem Törringer von Törring, seiner hausfrauen und Irn Erben die besonder gnadt gethan, haben und thain auch mit disem gegenwürtigen brief, das wir In erlaubt und geben haben einen rechten Wochenmarckht zue Tissling in Ettinger gericht all Wochen an dem Montag unnd darzue in denselben Marckht alle die Freyhaiten und guetten gewohnhaiten als annder unnser Pänmarckht in unserm Lannde zue Bayrn an außgenommen unnser gericht, das wier von alter da haben. Das behalten Wier unns selber. Doch ist Zumerckhen, das Sy ckhainen unnsern Urbaren In demselben Marckht zu Tissling zu burger niht nehmen sollen, Unnd von derselben vorgenannten gnadt wegen gebietten wir allen unsern Viztomben, Richtern und Ambtleiithen, die wir Jezo haben oder fürbaß gewinnen, daß Ir dem Ehegenannten Seiz Törringer, seiner Hausfrauen und iren Erben die obgenannte gnadt schirmet und niemandt gestattet, das In ckhainerlay Irrsal daran beschehe das ist unnser will und wortt und des In urckhundt geben wir In den brief, versiegelten mit unserm auch anhangenden Insigel. Der geben ist zu Burckhausen am Sambstag, vor Sand Oßwaldts Tag Nach Christi geburtt dreyzehenhundert Jar und dannach in dem Sibenundsibenzigsten Jare.“[vii]

Bestätigung der Markterhebung 1379: „Wir Steffan, und Wir Johannes gebrüder, von Gottes genaden Pfalzgrafen bey Rhein, und Herzöge von Bayrn. Beckhennen und thun khundt offentlich mit dem brief umb des Wochenmarckht des die hochgeborenen Fürsten, unser lieben Vetter, Herr Ott, des heiligen Römischen Reiches Erzkammerer und Churfürst, und unser lieben brueder Fridterich, baid durch Gottes genaden Pfalzgrafen bey Rhein und Herzögen von Bayrn dem Vesten Ritter, unserem lieben getreuen Seyfrieden dem Torringer von Törring, seiner Hausfrau und Iren Erben erlaubt und gegeben haben, zue Tissling gelegen im gericht zue Ötting mitsambt den Freyhaiten und sampten gewohnheiten die ander Marckht in unserem Lande zu Bayrn habent, ausgenommen unser gericht, dasselbe nach ihr brief, die Sy von ihnenselben, unseren lieben Vettern und Bruedern darüber haben, das das unser güttlich will und mainung ist und bestätten In auch dieselben brief für uns und all unsere Erben mit dem gegenwärtigen Brief, Sy treulich dabei zu halten, und zu beschirmen, alß Sy mit allen Pungntn, Stuekhen, und Artigkhln von Wortt zue Wortt geschriben, und begriffen sindt on alles gerürdt(?). Unnd darumb zu Urkhund geben Wir den Brief mit unsern Insigeln besigelten. Geben zue München am Montag nach Sanndt Johanstag vor der Lateinischen Porte. Nach Christi geburtt dreyzehenhundert Jar und im Neunundsiebenzigsten Jar.“[viii]


[i] Wilhelm Liebhart, Die frühen Wittelsbacher als Städte- und Märktegründer in Bayern, in: Ausst.-Katalog Wittelsbach und Bayern. Die Zeit der frühen Herzöge, Bd. I.1, 311

[ii] Maria Rita Sagstetter, Hoch- und Niedergerichtsbarkeit im spätmittelalterlichen Herzogtum Bayern, in: Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte, Bd. 120, München, 2000

[iii] Rudolf Roßgotterer, Die Heiligenstätter Dult und die Jahrmärkte zu Tüßling, in: Oettinger Land, Bd. , Altötting, 19

[iv] ders., Die „Gründungs“-Urkunde der Altöttinger Hofdult, in: Oettinger Land, Bd. 12, Altötting, 1992, 51ff

[v] Stadtarchiv Trostberg (ehemaliges Marktarchiv Trostberg), Akten No. VI,1,55

[vi] Heinrich Nuber, Als Tüßling Markt wurde, in:Heimatland, Altötting, 1957, Nr. 10 (dort allerdings nur unvollständig bzw. fehlerhaft wiedergegeben. Leider sind diese fehlerhaften Angaben auch bei Gerald Huber, 600 Jahre Markt Tüßling, Tüßling, 1979, wiederholt worden).

[vii] 9 Wortlaut nach der Fotokopie im Archiv des Heimatbundes Tüßling der Urkunde im Stadtarchiv Trostberg

(ehemaliges Marktarchiv Trostberg), Akten No. VI, 1,55

Ahnentafel
Ahnentafel

Die Herren von Toerring erwarben Tüßling vor 650 Jahren

Beitrag von Rudolf Roßgotterer, Ortsheimatpfleger Tüßling

Im Jahre 1361, vor nunmehr genau 650 Jahren erwarb Seifried I. von Toerring (ca. 1300-1383) die damalige Burg und das Dorf Tüßling (heute Vormarkt). In einem beispiellosen Kraftakt ließ er den Markt Tüßling anlegen und erhielt bereits nach kurzer Zeit 1377 und 1379 die Markt-rechte von den bayerischen Herzögen. Er ließ auch die Kirche in Heiligen-statt errichten und erhielt 1383 von den Herzögen einen Jahrmarkt zur Erinnerung der Kirchenweihe - die heutige Tüßlinger Dult, urkundlich noch einen Tag vor der Hofdult von Altötting. Im Jahre 1583 kam es unter Johann Veith I. (1525-1583) dann zum Neubau des Schlosses. Die Herren von Törring-Tüßling haben bis zum Aussterben ihrer Linie im Jahre 1630 als Herren der Hofmark die Geschicke und die weitere Entwicklung Tüßlings wesentlich bestimmt.

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